Warum Hebammen und Coaches für Schwangerschaft und Wochenbett sich nicht ersetzen, sondern ergänzen - ein Gespräch mit Stefanie

„Viele fragen sich, wie kann ich weiterhin in diesem Bereich arbeiten, wie kann ich Frauen gut begleiten und dabei selbst tragfähig bleiben?"

Interviewerin:

Marisa Köhler

Es gibt Themen, bei denen man sofort merkt, dass es um viel mehr geht als um eine fachliche Diskussion. Es geht um Frauen. Um Schwangerschaft. Um Geburt. Um Wochenbett. Um eine Zeit, die prägt, trägt, fordert und verändert. Und um die Frage, wie Frauen in genau dieser sensiblen Lebensphase wirklich gut begleitet werden können.

Genau darüber sprechen wir in diesem Interview mit Stefanie. Sie ist Hebamme, vierfache Mama und begleitet seit über zwei Jahrzehnten Frauen in Schwangerschaft und Wochenbett. Sie erlebt jeden Tag ganz direkt, was Frauen brauchen, wo Betreuung trägt und wo die Realität längst an ihre Grenzen kommt. Und sie spricht sehr klar darüber, warum die Zusammenarbeit zwischen Hebammen und ganzheitlich ausgebildeten Coaches für Schwangerschaft und Wochenbett keine Konkurrenz ist, sondern eine echte Entlastung, eine wichtige Ergänzung und vor allem eine große Chance für Frauen.

Marisa: Stefanie, stell dich doch einmal kurz vor. Wer bist du, wie lange arbeitest du schon als Hebamme und in welchen Bereichen begleitest du Frauen?

Stefanie:
Ich bin Stefanie, mittlerweile 44 Jahre alt, selbst Mama von vier Kindern, und ich habe vor 21 Jahren mein Hebammenexamen gemacht. Ich bin direkt in die Freiberuflichkeit gestartet, in die Vor- und Nachsorge, und wollte eigentlich auch als Beleghebamme durchstarten. Dann hat sich aber mein erstes Wunder auf den Weg gemacht und dadurch ist mein Weg erst einmal etwas anders verlaufen.

Es blieb zunächst bei der Vor- und Nachsorge. Ich war auch klinisch unterwegs, ganz normal im Dienst im Kreißsaal, und bin jetzt tatsächlich seit vielen Jahren komplett in der Schwangerschaft und in der Zeit nach der Geburt, also in der Nachsorge, tätig.

Was ich an meinem Beruf liebe? Alles. Wirklich alles. Dieser enorme Beziehungsaufbau, den man in der Begleitung erfährt, ist einfach etwas ganz Besonderes. Es ist ein absolutes Privileg, gerade wenn das Baby da ist, so früh vor Ort zu sein. Manchmal bin ich eher da als Familienmitglieder. Und für mich gab es tatsächlich nie einen anderen Berufswunsch. Ich hatte vorher keine Hebamme im Umfeld, keine Berührungspunkte, aber für mich war immer klar, genau das ist mein Weg.

Marisa: Viele Außenstehende denken, Hebammen decken die komplette Betreuung ab. Wie sieht die Realität wirklich aus?

Stefanie:
Die Realität ist deutlich nüchterner, als viele denken. In meinem Alltag ist die Betreuung in der Schwangerschaft und auch in der Nachsorge oft sehr medizinisch ausgerichtet. Natürlich fangen wir Fragen auf. Natürlich sehen wir auch psychische Belastungen, Unsicherheiten, Ernährungsthemen oder Sorgen im Alltag. Aber wir können das oft gar nicht in dem Umfang auffangen, wie es eigentlich nötig wäre.

Und genau das ist der Punkt, den viele von außen nicht sehen. Frauen bräuchten häufig viel mehr Zeit, viel mehr Raum und viel mehr Begleitung, um sich wirklich sicher, getragen und gut informiert zu fühlen. Nicht nur medizinisch abgesichert, sondern wirklich begleitet.

Das ist ein wichtiger Unterschied. Eine Frau kann medizinisch versorgt und sich trotzdem allein, überfordert oder mit tausend Fragezeichen im Kopf fühlen.

Genau an dieser Stelle beginnt die Wahrheit, die wir offen aussprechen müssen. Hebammen leisten unglaublich viel. Aber sie können in den aktuellen Strukturen nicht alles leisten. Nicht, weil sie es fachlich nicht könnten, sondern weil Zeit, System und Realität Grenzen setzen. Und das anzuerkennen, ist kein Angriff auf den Hebammenberuf, sondern einfach ehrlich.

Marisa: Du arbeitest mit Coaches zusammen, die Frauen in Schwangerschaft und Wochenbett begleiten, beziehungsweise kennst diese Arbeit sehr gut. Wie erlebst du diese Zusammenarbeit?

Stefanie:
Für mich ist das ein ganz klares Hand in Hand. Als Hebamme liegt mein Fokus in der medizinische Begleitung. Coaches, die Frauen in Schwangerschaft und nach der Geburt begleiten, bringen etwas mit, das im Alltag unglaublich wertvoll ist, nämlich Zeit, Raum und Präsenz. Sie können Alltag mit abdecken, mentale Themen mit auffangen, körperliche Begleitung leisten, Training anleiten, genauer hinschauen und einfach auf eine andere Art da sein.

Klar zeige ich in der Nachsorge auch mal kurz Rückbildungsübungen. Aber das ist nicht dieselbe Arbeit. Nicht dieselbe Tiefe und nicht derselbe Umfang. Genau da liegt für mich überhaupt kein Konkurrenzgedanke. Im Gegenteil, ich sehe darin eine enorme Entlastung und eine riesige Chance.

Wenn ich hier vor Ort wüsste, ich hätte jemanden, den ich mit in die Begleitung einer Frau involvieren könnte, dann würde ich mit einem ganz anderen Gefühl nach Hause gehen. Dann wüsste ich, diese Frau bekommt wirklich Betreuung, die ihr in dieser sensiblen und wertvollen Zeit zusteht. Genau darum gehte es doch. Nicht darum, wer welchen Titel trägt, sondern darum, dass Frauen bestmöglich begleitet sind.

Und vielleicht ist genau das auch die Antwort auf all die Stimmen, die sagen, so etwas braucht es doch nicht, das ist doch Aufgabe der Hebamme. Doch, es braucht das. Nicht weil Hebammen zu wenig können, sondern weil Frauen mehr brauchen, als eine einzelne Berufsgruppe unter den heutigen Rahmenbedingungen allein abdecken kann.

Marisa: Was unterscheidet aus deiner Sicht die Inhalte unserer Ausbildung von klassischen Fortbildungen im Hebammenbereich?

Stefanie:
Ich muss ehrlich sagen, ich war am Anfang wirklich geflasht. Als ich gesehen habe, wer da alles mitwirkt, welche Fachrichtungen in diese Ausbildung einfließen und was da an Wissen zusammenkommt, da dachte ich wirklich nur, wow. Expertise rund um Schwangerschaft, Rückbildung, Training, Ernährung und ganzheitliche Begleitung, verschiedene Fachpersonen für Rückfragen, das ist schon ein riesiger Fundus, den man da mit an die Hand bekommt.

Und genau das ist es auch. Diese Ausbildung ist in dieser Form wirklich ein Unikum. Sie geht in manchen Bereichen deutlich tiefer in Themen hinein, weil sie andere Schwerpunkte setzen darf und bewusst ganzheitlich denkt. Dinge, die in einer klassischen medizinischen Ausbildung nur angerissen werden oder im Alltag aus Zeitgründen gar keinen Raum bekommen, werden hier wirklich aufgearbeitet.

Das Spannende ist, selbst ich als Hebamme habe für mich gedacht, dass man daraus noch einmal unglaublich viel mitnehmen kann. Und das sagt viel aus. Denn es geht hier eben nicht um oberflächliches Zusatzwissen oder schön verpackte Inhalte. Es geht um echte Tiefe, um greifbares Wissen und um Zusammenhänge, die die Betreuung von Frauen enorm verbessern können.

Gerade wenn mehr Fachpersonen verstehen würden, wie eng körperliche, mentale, alltägliche und emotionale Themen in Schwangerschaft und Wochenbett miteinander verwoben sind, würde sich in der Begleitung von Frauen so viel verändern. Dann würden Entscheidungen bewusster getroffen. Frauen wären klarer, sicherer und mehr bei sich. Und viele Überforderungen würden gar nicht erst so groß werden.

Marisa: Lass uns über ein Thema sprechen, das oft unterschätzt wird, den Beckenboden. Was wird hier aus deiner Sicht häufig missverstanden?

Stefanie:
Beckenboden wird total vernachlässigt, und zwar nicht nur von einzelnen Frauen, sondern strukturell. Rückbildungskurse sind oft übervoll, Wartelisten lang, Plätze knapp. Viele Frauen warten viel zu lange auf einen Kursplatz oder finden gar keinen. De facto ist es dann oft so, dass sie zu Hause irgendwie mit YouTube-Videos versuchen, etwas für sich zu machen, ohne echte Anleitung, ohne Blick von außen und ohne gezielte Korrektur.

Und genau da sehe ich eine riesige Lücke. Viele Frauen denken, ich habe doch jetzt keine Beschwerden, also wird schon alles okay sein. Aber so funktioniert der Körper nicht. Manches zeigt sich erst später, Jahre später, unter Belastung, im Alltag oder beim Älterwerden. Und dann beginnt plötzlich die Suche. Wo finde ich Hilfe? Wo bekomme ich Rückbildung? Wer schaut wirklich hin?

Deshalb wäre es so wertvoll, wenn an dieser Stelle mehr Kapazitäten geschaffen würden. Mehr Menschen, die wirklich fundiert begleiten können. Mehr Möglichkeiten, Frauen nicht erst dann aufzufangen, wenn Beschwerden da sind, sondern viel früher, präventiv, gezielt und sicher.

Genau darin liegt auch die Stärke gut ausgebildeter Coaches für Schwangerschaft und Wochenbett. Nicht als Ersatz für medizinische Diagnostik, sondern als fachlich fundierte Ergänzung in einem Bereich, der bisher viel zu oft durch das Raster fällt.

Marisa: Lass uns über ein Thema sprechen, das oft unterschätzt wird, den Beckenboden. Was wird hier aus deiner Sicht häufig missverstanden?

Stefanie:
Beckenboden wird total vernachlässigt, und zwar nicht nur von einzelnen Frauen, sondern strukturell. Rückbildungskurse sind oft übervoll, Wartelisten lang, Plätze knapp. Viele Frauen warten viel zu lange auf einen Kursplatz oder finden gar keinen. De facto ist es dann oft so, dass sie zu Hause irgendwie mit YouTube-Videos versuchen, etwas für sich zu machen, ohne echte Anleitung, ohne Blick von außen und ohne gezielte Korrektur.

Und genau da sehe ich eine riesige Lücke. Viele Frauen denken, ich habe doch jetzt keine Beschwerden, also wird schon alles okay sein. Aber so funktioniert der Körper nicht. Manches zeigt sich erst später, Jahre später, unter Belastung, im Alltag oder beim Älterwerden. Und dann beginnt plötzlich die Suche. Wo finde ich Hilfe? Wo bekomme ich Rückbildung? Wer schaut wirklich hin?

Deshalb wäre es so wertvoll, wenn an dieser Stelle mehr Kapazitäten geschaffen würden. Mehr Menschen, die wirklich fundiert begleiten können. Mehr Möglichkeiten, Frauen nicht erst dann aufzufangen, wenn Beschwerden da sind, sondern viel früher, präventiv, gezielt und sicher.

Genau darin liegt auch die Stärke gut ausgebildeter Coaches für Schwangerschaft und Wochenbett. Nicht als Ersatz für medizinische Diagnostik, sondern als fachlich fundierte Ergänzung in einem Bereich, der bisher viel zu oft durch das Raster fällt.

Marisa: Was verändert sich bei Frauen, wenn sie ganzheitlich begleitet werden, also nicht nur medizinisch, sondern auch mental, körperlich und im Alltag?

Stefanie:
Es verändert sich unglaublich viel. Wenn Frauen wirklich ganzheitlich betreut werden, dann bleiben viele dieser inneren Fragezeichen nicht mehr so groß stehen. Dann entsteht Klarheit. Dann können andere Entscheidungen getroffen werden. Nicht aus Angst, nicht aus Unsicherheit, sondern aus Wissen, aus Verständnis und aus einem echten Gefühl von Getragensein.

Ich hatte erst kürzlich ein Gespräch, das mir bis heute nachgeht. Da hatte sich eine Frau letztlich für einen Kaiserschnitt entschieden und im Nachhinein wurde deutlich, dass ein Teil dieser Entscheidung aus fehlender Information entstanden war. Wenn eine Mama dann Monate später sagt, hätte ich das gewusst, hätte ich mich vielleicht anders entschieden, hätte ich mich anders begleiten lassen, hätte ich vielleicht einen anderen Weg gewählt, dann sitzt da ganz oft nicht nur Traurigkeit, sondern auch Schuld. Dieses quälende „Was wäre gewesen, wenn?“.

Und genau solche Gefühle brauchen Frauen weder in der Schwangerschaft noch im Wochenbett. Wenn es gelingt, vorher Klarheit zu schaffen, Zusammenhänge zu erklären, Ängste einzuordnen und Entscheidungen bewusst zu begleiten, dann verändert das alles. Dann wird aus Überforderung Sicherheit. Aus Ohnmacht wird Selbstwirksamkeit. Und aus Nachzweifeln wird im besten Fall ein tiefes Gefühl von: Ich war informiert, ich war getragen, ich konnte für mich und mein Baby gute Entscheidungen treffen.

Das ist keine Luxusbetreuung. Das ist eigentlich das, was Frauen verdienen.

Marisa: Manche Hebammen sagen vielleicht, ich begleite doch sowieso schon Frauen, warum sollte ich mich zusätzlich weiterbilden? Was würdest du darauf antworten?

Stefanie:
Ganz ehrlich, wenn mir eine Kollegin sagt, ich bin Hebamme, ich begleite Frauen, ich kann schon alles, dann kann ich nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Nicht aus Arroganz, sondern weil genau das an unserem Beruf vorbeigeht. Wir lernen nie aus. Es kommen neue Studien. Es verändern sich Rahmenbedingungen. Es verändern sich Bedürfnisse von Frauen. Und wir selbst müssen uns mitentwickeln.

Gerade auch mit Blick auf die neue Hebammengebührenverodnung merkt man ja, dass viele Hebammen umdenken müssen. Nicht nur fachlich, sondern auch wirtschaftlich. Viele fragen sich, wie kann ich weiterhin in diesem Bereich arbeiten, wie kann ich Frauen gut begleiten und dabei selbst tragfähig bleiben?

Und genau da kann eine Zusatzqualifikation enorm wertvoll sein. Denn nein, ich als Hebamme bin medizinisches Fachpersonal. Ich würde nie auf die Idee kommen, einfach so Eins-zu-eins-Coaching oder tiefe mentale Begleitung anzubieten, wenn ich das nicht fundiert gelernt habe. Aber wenn ich eine Ausbildung habe, die mir genau dafür eine sichere Basis gibt, dann kann ich mein Wirkspektrum sinnvoll erweitern. Dann kann ich Frauen zusätzliche Begleitung anbieten, mit Substanz, mit Wissen und mit Verantwortung.

Und das ist ein ganz wichtiger Punkt. Diese AusbildungDiese Ausbildung verwässert nicht die Rolle der Hebamme. Sie stärkt sie. Sie erweitert Möglichkeiten. Sie schafft Sicherheit. Und sie gibt Hebammen Werkzeuge an die Hand, mit denen sie ihre Arbeit zukunftsfähig gestalten können, ohne ihre eigentliche Kompetenz zu verlassen.

Marisa: Wie siehst du die Zukunft der Betreuung rund um Schwangerschaft und Wochenbett?

Stefanie:
Ich glaube, wir müssen sehr ehrlich sein. Die Lücke war schon vorher da. Es gab schon vorher Hebammenmangel. Es gab schon vorher viele Frauen, die gar keine oder nur unzureichende Begleitung hatten. Und durch neue Rahmenbedingungen hat sich diese Situation vielerorts eher noch verschärft.

Diese Lücke darf aber nicht einfach offen bleiben. Sie muss geschlossen werden. Und genau da kommen Coaches für Schwangerschaft und Wochenbett ins Spiel. Nicht als Ersatz für Hebammen. Nicht als Konkurrenz. Sondern als Antwort auf einen realen Bedarf. Als Ergänzung. Als Entlastung. Als zusätzlicher Baustein in einer Betreuung, die Frauen endlich wieder in ihrer ganzen Realität sieht.

Wenn dann zusätzlich noch eine Hebamme mit in der Begleitung ist, dann ist das für die Frau im Grunde das Nonplusultra. Medizinisch gestützt, ganzheitlich getragen, körperlich, mental und alltagsnah unterstützt. Genau dort müsste Betreuung eigentlich hin.

Marisa: Wenn du es in einem Satz sagen müsstest, warum ist die Zusammenarbeit zwischen Hebammen und ganzheitlichen Coaches so wertvoll?

Stefanie:
Weil Frauen die Möglichkeit haben sollten, medizinisch durch Hebammen gestützt zu werden und zusätzlich durch Coaches für Schwangerschaft und Wochenbett im mentalen Bereich, im Training, in der Ernährung und im Alltag so begleitet zu sein, dass diese wertvolle Zeit in Schwangerschaft und Wochenbett endlich wieder die Anerkennung bekommt, die sie verdient.

Manche Gespräche bleiben nicht nur wegen ihres Inhalts im Kopf, sondern wegen des Gefühls, das sie hinterlassen: Dieses Interview mit Stefanie ist genau so ein Gespräch. Es macht spürbar, wie viel Herz, Erfahrung und Verantwortung in guter Begleitung rund um Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett liegen. Und es erinnert daran, wie wertvoll es ist, wenn Frauen in dieser sensiblen Zeit mit Klarheit, Fachwissen und echter Menschlichkeit begleitet werden.

♥ Liebe Stefanie, danke für deine Offenheit, deine Worte und deinen täglichen Einsatz für Frauen und Familien. Deine Perspektive ist eine große Bereicherung und ein wertvoller Impuls für all das, was Frauen in dieser besonderen Lebensphase wirklich brauchen.

Hast du noch Fragen?